Teil 2: Sardellen, Kapern, Kalbsmett.

 

Gegenüber residieren die höheren Herrschaften der Versicherung. Im neu errichteten Hochhaus. Dort summte die Klimaanlage wie am Schnürchen. Garantiert. Aber hier bei der Schadensregulierung nahm man es nicht so genau. Das hatte er die letzten dreißig Jahre genau verfolgt. Zweiunddreißig Jahre. Immer korrekt bleiben. Vor zweiunddreißig Jahren hat er hier seine Lehre als Versicherungskaufmann angefangen.

 

Bruno strich sich über den Kopf. Ein gewohnheitsmäßiger Kontrollgriff. Die ausgedünnten Haare – morgens von links nach rechts über den kahlen Schädel gekämmt – verrutschen gerne. Auch wenn er sie mit einer klebrigen Mischung auf die Kopfhaut pappte. Geheimrezept von seinem verstorbenen Vater. Bruno schiebt die hinterste Strähne ein Stück nach vorne. So, jetzt saß doch die wieder am richtigen Platz. Bruno hob den Kopf ein Stück an. Wie von alleine wanderten seine Blicke zu Elvira. Der Rock war noch ein Stück höher gerutscht – und prompt meldete Waloschke sich, als wenn dass das Selbstverständlichste von der Welt wäre.

 

Bruno legte den vierten perfekt angespitzten Stift neben die anderen und versuchte sich auf das satte Grün ihres Lacks zu konzentrieren. Doch auf diesen Trick fiel Waloschke nicht rein und schon im nächsten Moment hatte er Brunos Blick wieder auf Elvira gelenkt. Aber heute hatte Waloschke die Rechnung ohne Bruno gemacht! Statt sich weiter von ihm malträtieren zu lassen, öffnete Bruno die Schublade seines Schreibtisches und nahm ein Kochbuch heraus. Die einfache deutsche Küche. Er blätterte. Sauerbraten. Gulasch. Königsberger Klopse. Das war es. Bruno studierte das Rezept. Zeile für Zeile. Sardellen, Kapern, Kalbsmett. Wo sollte er das herbekommen? Von wegen einfach! Aber mit Tiefkühlkost und Dosensuppen brauchte er Mutti nicht mehr zu kommen. Jeden Abend knurrte sie ihn muffig an, dass sie ihr ganzes Leben für ihn gesorgt hätte und nun ein bisschen Fürsorglichkeit erwarten könnte. Im Alter bettlägerig zu sein, ist wirklich nicht schön, seufzte Bruno und war froh, dass Waloschke sich wieder beruhigt hatte.

 

Am Wartehäuschen der Bushaltestelle senkte Bruno den Blick auf den Boden. Mussten die wirklich für Reizunterwäsche auf der Straße werben und fast nackte Busen zeigen? Verstohlen musterte er die Haut. Er war noch nicht einmal beim Bauchnabel angekommen, als Waloschke sich schon wieder meldete. Bruno schloss die Augen und kniff sich in den Arm. Gib Ruhe, zischte er, ich mache es nicht mehr. Nie mehr!

 

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